7 Mythen über die (Reise) Auszeit

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Sich eine Auszeit zu nehmen ist in Deutschland gesellschaftlich leider immer noch wenig akzeptiert. Während sich im Ausland eine Auszeit als fester Bestandteil des Arbeitslebens etabliert hat und für Lebenserfahrung und Weltoffenheit steht, ist die Auszeit hierzulande erst am Anfang Ihrer Bewegung. Getreu dem Motto „Ich lebe um zu arbeiten“, wird in einer Welt, die den lückenlosen Lebenslauf heroisiert, eine Auszeit nahezu zum gesellschaftlichen Tabuthema deklariert.
Ich habe das Glück immer großen Rückhalt und sensationelle Unterstützung bei meiner Familie und Freunden für meine Auszeit Reisen zu erhalten. Im selben Atemzug musste ich feststellen, dass es bei vielen Menschen wiederum auf Unverständnis stößt. Auch wenn meist Bewunderung für das mutige Verhalten entgegengebracht wird, werden immer wieder Einwände und Vorurteile hinsichtlich der Alternative zu einem sicherheitsorientierten Leben offensichtlich.
Doch was ist dran an den Einwänden, denen sich Auszeitnehmer in Deutschland ausgesetzt fühlen. Ein Erklärungsversuch anhand meiner Erfahrungen.

 

Du verbaust Dir Deine Zukunft

Deutschland ist mit Abstand das sicherheitsorientierteste Land das ich auf diesem Planeten kenne. Mit einem unbefristeten Arbeitsverhältnis stehst Du im oberen Drittel der gesellschaftlichen Ansehenspyramide und verhältst Dich somit regelkonform.
Abweichungen aus der Komfortzone in Form einer Reise oder einer Unterbrechung des lückenlosen Lebenslaufes werden deshalb oftmals mit Unverständnis oder fragenden Blicken beantwortet. „Wie kannst Du einen guten, unbefristeten Job aufgeben“? ist die Frage die Menschen am meisten beschäftigt, wenn ich mit Ihnen über Reisen spreche. Jeder Mensch benötigt ein gewisses Maß an Sicherheit. Es gibt Rückhalt und bestätigt das eigene Handeln. Die Frage ist nur, wie sicher ist eigentlich die vermeintliche Sicherheit?
In Zeiten der Flexibilisierung der Arbeitsmärkte und einer globalisierten Welt finde ich es allgemein nicht sonderlich ermutigend von sicheren Arbeitsplätzen zu sprechen. Ist eine Anpassung an Unsicherheit nicht auch eine Form von Sicherheit? Flexibel auf Veränderung reagieren zu können finde ich eine angemessene Antwort darauf.
Und ja, ich würde jederzeit einen guten, unbefristeten Job aufgeben, der mich nicht erfüllt oder nicht glücklich macht. Für ein Leben, das mich glücklich, zufrieden, kreativ, unabhängig, lebenserfahren und weltoffen erzieht, gebe ich gerne die vermeintliche Sicherheit auf. Sei es für eine Lebensveränderung oder um einfach durchzuatmen. Empfindest Du Deine persönliche Entwicklung so wie Du sie Dir vorstellt als ein Karriereknick? Schließlich geht es um Dein Leben und nicht das der anderen.

 

Du findest nach Deiner Rückkehr nie wieder einen Job

Sicherlich kann die Jobsuche, gerade nach einer längeren Auszeit mühsam sein und kostet einiges an Nerven sowie Energie. Aber bisher konnte ich nach jeder Reise wieder eine Anstellung oder jetzt einen Auftrag für meine jetzige Selbstständigkeit erzielen. Auch wenn der deutsche Arbeitsmarkt der Reise Auszeit noch kritisch gegenüber steht. In persönlichen Gesprächen mit Personalverantwortlichen konnte ich erkennen, dass ein Umdenken eingesetzt hat. Internationale Lebenserfahrung gewinnt zunehmend an Anerkennung.
Wie mir erst kürzlich ein bekannter Personalvorstand gestand: „Ich möchte Menschen einstellen, die einen Teil Ihrer Träume schon gelebt haben, und nicht unzufrieden darauf hin arbeiten.“ Oftmals gibt es mittlerweile auch Optionen nach einer Auszeit wieder an denselben Arbeitsplatz zurückzukehren. Sofern Du das überhaupt in Erwägung ziehst.

 

Denk an Deine Rente

Das wirst Du an Deiner Rente später merken! Wirst Du das? Wer weiß schon was in 30 bis 40 Jahren passieren wird? Ich möchte mich hier nicht auf eine Diskussion einlassen ob unsere Generation tatsächlich den Rentenanspruch ausbezahlt bekommen wird, der Ihnen zusteht. Und es ist sicher wichtig ein Maß von „im Hier und Jetzt“ leben und an die Zukunft denken, zu finden.
Von einem Punkt bin ich allerdings überzeugt: Es wird sich in der Altersvorsorge nicht wesentlich bemerkbar machen, ob Ihr 35, 33 oder 30 Jahre in die Rentenkasse oder die private Vorsorge eingezahlt haben werdet.
Eine Reise, sprich eine Auszeit ist für mich eine vorweggenommene Rentenzeit. Anstatt in mehreren Jahrzehnten erst meinen Lebensabend genießen zu können, ziehe ich es vor bei bester Laune und Gesundheit meine Reiseträume jetzt zu erleben. Ich weiß nicht was in Zukunft passieren wird.

 

Eine Reise kannst Du Dir finanziell nicht leisten

Eine Reise, insbesondere für längere Zeit zu finanzieren ist selbstverständlich eine finanzielle Bürde. Nichtsdestotrotz ist es möglich seine Ansprüche zu reduzieren. Sei es im Vorfeld sich beispielweise durch Konsumverzicht oder Optimierung Geld anzusparen. Oder Du kannst durch Übernachtungen wie zum Beispiel in einem Mehrbettzimmer in Hostels Deine Reisekosten extrem reduzieren.
Außerdem besteht meistens die Möglichkeit in den Hostels für Essen und Loggie zu arbeiten. Gelegenheitsjobs unterwegs können ebenso Deine Reisekasse aufbessern. Reisen kannst Du Dir leisten, wenn Du es willst.

 

Du wirst hier einiges verpassen

Mit Sicherheit wirst Du die eine oder andere Geburtstagsfeier versäumen. Du wirst eventuell das Zusammenfinden einer Partnerschaft, eine Hochzeit, oder eine Trennung versäumen. Vielleicht bist Du diesmal auch nicht zum alljährlichen Sommerfest erschienen und konntest Deine Familie oder Freunde länger nicht sehen.
Aber verpassen? Verpasst hast Du nichts. Während das Wort verpassen immer im Auge des Betrachters liegt, kann ich guten Gewissens behaupten, dass in der Heimat oder Eurem vertrauten Umfeld in der Regel nichts Außergewöhnliches passieren wird. Ob Du für drei, sechs oder zwölf Monate von dannen ziehst und Dich dann nach den Veränderungen in Deiner Heimat erkundigst, wirst Du für gewöhnlich Antworten hören, wie: „Es hat sich nichts verändert“, „Soweit gibt es keine Neuigkeiten.“ „Alles wie immer“. Und dann denkst Du an Deine Reise Auszeit zurück und lächelst den vielen spannenden Begegnungen, Momenten und Entdeckungen entgegen.

 

Reisen-als-Traumwelt-www.anirishmanontour.com

Reisen als Traumwelt?


Du lebst in einer Traumwelt, nicht in der Realität

In zahlreichen Gesprächen über meine Auszeiten, in denen ich gereist bin, kommt mir immer wieder folgender Spruch zu Ohren: „Reisen ist nicht die Wirklichkeit. Irgendwann musst Du wieder zurück in Dein reales Leben.“ Sicherlich ist Reisen und sich eine Auszeit gönnen eine unverbindlichere Lebensalternative. Aber stellt es deswegen eine Illusion dar? Selten fühle ich mich so lebendig und real, wenn ich Menschen aus aller Welt treffe, atemberaubende Momente am Machu Picchu, in der namibischen Wüste, in den Rocky Mountains Kanadas oder in der Einsamkeit Neuseelands erlebe. Es ist genauso eine Realität wie das Alltagsleben, in das sich auch wieder zurückkehren werde. In gewisser Weise eine andere Realität, aber dennoch zu hundert Prozent authentisch.
Ich finde eher, dass ich den realen Pfad nie verlasse, anstatt mich einer Illusion hinzugeben, die mir besagt, dass ich mein Leben erst genießen darf, wenn ich das Rentenalter erreicht habe. Es ist somit, wie immer, eine Frage der Betrachtungsweise.

 

Reisen stellt eine Flucht vor Deinen Problemen dar

Ja. Ich war unzufrieden und unglücklich mit meiner Situation. Und es war mit Sicherheit eine Art Flucht. Doch wenn Reisen für mich die ersehnte Veränderung mit sich bringt, um meine Probleme oder Sorgen zu lösen, ist das dann zwangsläufig negativ? Wenn mich die Reise auf neue motivierende und inspirierende Ideen bringt, mein inneres Gleichgewicht wieder herstellt sowie die gewünschte Veränderung hervorruft, empfinde ich es als konstruktive Flucht. Anstatt mich in Selbstmitleid und Unzufriedenheit zu suhlen, habe ich mein Leben in die Hand genommen und mich auf die Suche begeben, um herauszufinden, was mich glücklich macht.
Jeder hat seine eigene Methoden Probleme in Angriff zu nehmen, ist eine Reise Auszeit demnach so verwerflich?

 

Du liegst dem Staat auf der Tasche

Ernsthaft? Ich habe mir bisher sämtliche Auszeiten und Reisen selbst finanziert. Ich bezahle, wie jeder Bürger meine Steuern, Krankenkassenbeiträge und Sozialabgaben und lasse mich keinesfalls als faulen „Sozialschmarotzer“ abstempeln. Vielmehr habe ich jede meiner Reisen durch Verzicht auf Konsum oder anderer Annehmlichkeiten erspart. Ich arbeite unheimlich gerne und leistungsbezogen. Allerdings versuche ich ein vernünftiges Gleichgewicht zwischen Arbeit und Freizeit herzustellen.
Demnach bin doch immer wieder sehr verwundert, dass viele Menschen eine Auszeit gleichsetzen mit einem vom Arbeitsamt bezahlten Urlaub. Dem ist ganz sicher nicht so.
Ganz im Gegenteil: Auch der Staat muss ein Interesse daran haben, dass ich meine Unzufriedenheit oder Veränderungswünsche nicht auf dem Rücken der Sozialleistungen austrage und mich arbeitslos melde, sondern auf eigene Faust und Kosten mein Leben finanziere und mir einen neuen Weg ausdenke, bei dem ich wieder hochmotiviert dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehe und somit wieder meine Steuern und Sozialabgaben entrichte.

 
Fazit: In Deutschland kommt leider erst langsam Bewegung in die Debatte der (Reise) Auszeit. Während weiterhin ein lückenloser Lebenslauf sehr bedeutend erscheint, mehren sich die Stimmen, die sich einem Umdenken anschließen. Das Interesse an einem Gleichgewicht von Arbeit und Freizeitausgleich scheint immer mehr in den Vordergrund zu rücken und als „vorgezogene“ Rente akzeptiert zu werden. Lebenserfahrung und Weltoffenheit werden zukünftig eine bedeutende Rolle einnehmen und auch dafür sorgen, dass ein Wiedereintritt in die Arbeitswelt leichter fällt.
Von Verbauen der Zukunft und Sozialschmarotzertum kann keine Rede sein. Auch werden die Auszeiten sich nicht auf Deinen Rentenanspruch auswirken.
Vielmehr geht es darum, auf vernünftige Weise, mit Maß, Deinen eigenen Weg zu beschreiten und Deine Träume zu leben. Sicherlich geht es nicht darum dem Staat auf der Tasche zu liegen. Mir ist bewußt, dass Du nicht nur von Luft und Liebe leben kannst, aber eine Auszeit kann sich jeder leisten, der bereit ist für sein Ziel auf Konsum und Komfort zu verzichten.
Mit Sicherheit mangelt es Dir nicht an Realitätssinn eine Reise Auszeit zu nehmen. Vielleicht ist es eine Form von „Weglaufen“, aber warum soll diese Art von Problembewältigung nicht als Neuorientierung dienen?

Du bringst den Mut zur Veränderung auf und unterwirfst Dich nicht den Erwartungen der Gesellschaft. Und keine Angst, Du wirst nichts verpassen, vielmehr wird es Dein Leben zufriedener machen und um unbezahlbare Begegnungen, Erlebnisse und Erfahrungen bereichern. Denn das was zählt bist Du! Ich, für meinen Teil, arbeite um zu leben!  

 

Lust auf eine Auszeit bekommen? Was denkst Du über die Mythen einer Auszeit? Ich freue mich auf Deine Kommentare, Fragen und Anregungen.

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About Author

Hello, hello! Ich bin Patrick. Rothaarig. In dieser Kombination sozusagen Ire. Mehrmalsauszeitnehmer. Wenn ich nicht gerade Köln entdecke, dann die Welt. Hier erfährst Du mehr über mich

6 Kommentare

  1. Lieber Patrick,
    ein wirklich toller Artikel! Lass Dich nicht beirren und geh DEINEN Weg und Du kannst Dir sicher sein, Dich weder in Illusionen zu verlieren, noch vor irgend etwas auf der Flucht zu sein oder gar etwas zu verpassen. Ich denke, dass genaue Gegenteil von alledem ist der Fall. Viele Menschen lassen sich von der Angst vor Veränderung lähmen und verharren in Strukturen, die sie nicht glücklich machen. Das sind in der Regel dann auch die, die andere lieber in diesen festgefahrenen Strukturen halten möchten, damit ihre eigenen nicht noch unerträglicher werden, durch das Wissen: es geht ebn auch ganz anders, wenn man sich traut und bereit ist die Konsequenzen zu tragen. LG Monika

    • Liebe Monika,

      vielen Dank! Danke auch für Deine Meinung und weisen Worte, denen ich mich restlos anschließen möchte. Ich denke, es ist unglaublich wichtig seinen Weg mutig mit all seinen Hindernissen, Fehlern, Überraschungen, Erfolgen und Belohnungen zu gehen um persönlich zu wachsen und glücklich zu werden.
      Leider schauen viele Menschen oft zu sehr nach anderen und lassen sich dadurch beeinflussen. Aber ist nicht jede Veränderung besser als Stillstand?

      Meinen Weg werde ich ganz gewiss weitergehen, unbeirrt! Und wie ich lese, Du auch.

      Liebe Grüße aus Köln
      Patrick

  2. Hallo Patrick,

    toller Artikel!

    Genau mit diesen Vorurteilen beschäftige ich mich auch gerade – 2 Wochen vor meiner anstehenden Weltreise auf unbestimmte Zeit. Vor allem den letzten Mythos finde ich nur sehr schwer nachvollziehbar – als Auszeitnehmer liegen wir dem Staat doch viel weniger auf der Tasche, weil wir weder mit dem Arbeitsamt noch sonstigen Einrichtungen irgendwas zu tun haben. Aber solche Mythen sind eben schnell ausgesprochen, wenn man keine Ahnung hat 😉

    Viele Grüße,
    Mona

    • Hello Monika,

      lieben Dank! Dann kennst Du Dich ja bestens mit allen Vorurteilen aus. Ich hoffe Du kannst nach und nach all diese Mythen entkräften.
      Manche Annahmen sind schon aberwitzig und stoßen bei mir persönlich auf Unverständnis. Warum wird beispielsweise Arbeitslosigkeit teilweise mehr honoriert als eine selbstbezahlte Auszeit Reise? Vielleicht werde ich es in Zukunft herausfinden. Ich bin gespannt 😉

      Ich wünsche Dir wunderbare Weltreise mit tollen Erlebnissen, Abenteuern, Menschen und Momenten. Hast Du einen Plan, oder lasst Du Dich einfach treiben?

      Viele Grüße von Ehrenfeld nach Köln
      Patrick

  3. hi my friend
    was für ein wahnsinns bericht. habe mehrmals überlegt, ob ich den geschrieben habe:-) du sprichst mir zu 100% aus dem herzen…
    ich habe in den letzten 15 jahren gelernt auf mich zu hören (nebenbei auch etwas, was ich auf reisen gelernt habe) und nicht mehr gross darauf zu hören, was die anderen meinen. was will mir eine person sagen, was gut und was schlecht ist für mich, wenn diejenige person noch nie das gefühl der totalen freiheit und der absoluten zufriedenheit erlebt hat? auf solche gutgemeinte „tipps“ kann man trostlos verzichten und sollten mit einem netten lächeln ignoriert werden. „du verbaust deine zukunft“, „flucht vor problemen“ oder „denk an deine rente/job“, das sind alles floskeln. sind wir ehrlich, das leben ist zu kurz um sich seine träume jahrelang vor sich her zu schieben und sie dann doch nicht zu erfüllen, weil man meint, doch zu alt dafür zu sein. ich weiss, einen entscheid pro reisen braucht überwindung, aber ich versichere euch da draussen, ihr werdet es NIE bereuen. das leben ist schön, die welt noch schöner, also raus aus dem schneckenhaus!!!

    • Lieber Knüsi,

      wie immer stelle ich fest, wir sind auf einer Wellenlänge 🙂
      Ich finde es großartig, dass Du Deinen eigenen Weg unbeirrt anderer Meinungen und Vorbehalte gehst. Es ist immer erstaunlich, dass sich Menschen zu Themen äußern, wozu Sie eigentlich keine eigenen Erfahrungen vorweisen können und dennoch meinen Recht zu behalten. Auf der anderen Seite kann ich es eben nicht verstehen, dass Menschen sich derart von anderen beeinflussen lassen, anstatt sich Ihre eigene Meinung zu bilden und dafür einzustehen.

      Du hast völlig recht, es kostet Überwindung, aber Du solltest Dein Leben leben, nicht dass der anderen. Schliesslich bist Du nicht ewig auf diesem Planeten. Danke für Deinen Aufruf!

      In Köln heisst es: Läve un läve losse. Für Wahr!

      Liebe Grüße aus Köln in die Schwiz,
      Patrick

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