Gönn Dir eine Auszeit auf Zeit – Erfahrungen der Auszeitnehmerin Romana Gringl im Interview

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Im zweiten Teil der Interviewreihe über Menschen, die sich eine Auszeit auf Zeit gegönnt haben steht mir heute Romana Gringl aus Österreich Rede und Antwort. Während Ihrer Reisen hat sich auch Ihre Leidenschaft für Fotografie entwickelt. Ihre Bilder kannst Du auf Gringl Photography bestaunen. Alles andere, lest Ihr am besten selbst. Viel Spaß!

Hallo Romana,

vielen Dank dass Du Dir die Zeit nimmst und Deine Erfahrungen über Deine Auszeit und das Reisen mit uns teilst. Bitte stell Dich den Lesern kurz vor.

Mein Name ist Romana Gringl, ich bin 29 Jahre alt und gerade mit meinen Studium zur Kultur- und Sozialanthropologin fertig. Momentan arbeite ich jedoch als Köchin/Supportmitarbeiterin in einer IT-Firma. Vor 4 Jahren hat es mich durch mein Studium von Vorarlberg nach Wien verschlagen, wo ich die nächste Zeit auch liebend gerne bleiben werde.
Meine erste Auszeit nahm ich 2006, als ich beschlossen hatte, in meiner ersten großen Reise alleine nach Südafrika durch zu starten.

 

Wie bist Du damals eigentlich auf die Idee gekommen, Dir eine Auszeit zu nehmen?

Ich arbeitete damals als Kellnerin in Vorarlberg auf Saison, das heißt, ich hatte ca. 3 Monate Zwischensaison, die ich nicht einfach nutzlos verstreichen lassen wollte. Also beschloss ich, meine freie Zeit einfach etwas zu verlängern. Da ich Saisonmitarbeiterin war, war es auch nicht notwendig meinen Job zu kündigen, das erleichterte mir natürlich die Entscheidung einfach mal für längere Zeit weg zu gehen.
Ein weiterer ausschlaggebender Grund für eine Auszeit war für mich, dass ich mir nicht vorstellen konnte, ewig in der Gastronomie zu arbeiten. Ich wollte was neues machen, und das Reisen, vor allem alleine, bietet die beste Möglichkeit, mal über den Tellerrand zu schauen, und heraus zu finden, was einen wirklich interessiert.

 

Bist Du spontan los, oder wie lange hast Du Dich mit dem Gedanken auseinandergesetzt?

Wie schon erwähnt musste ich durch meine Arbeit als Kellnerin nicht kündigen, was das ganze erheblich erleichterte. Auch war mir bei der Marktlage im Tourismus ein Job immer sicher, ich hatte also keinerlei Existenzängste. Da ich einige Jahre zuvor völlig spontan für drei Monate nach Indien ging und da mehrmals „auf die Fresse geflogen bin“ wusste ich, dass ein wenig Planung auf jeden Fall notwendig sein würde.
Den ersten Monat in Südafrika arbeitete ich auf eine Pferderanch als Trainerin/Guide für geführte Pferdetrails. Ich dachte mir, dies wäre ein guter Einstieg, das Land und die Menschen kennen zu lernen, was auch eine sehr gute Entscheidung war. Die nächsten zwei Monate reiste ich dann spontan durch Afrika. Es verschlug mich schlussendlich der East Coast entlang bis nach Capetown, von dort aus nach Namibia, Botswana, Simbabwe und wieder nach Südafrika. Ich kann nur jedem empfehlen, sich über die wichtigsten Sachen im Land zu informieren, sich aber nicht an eine fixe Route zu klammern, sondern flexibel zu bleiben und die Chancen für Abenteuer, die sich ergeben, wahr zu nehmen.

 

Eine Auszeit kann Unsicherheit bedeuten. Hattest Du Ängste oder was hat Dir Sorgen bereitet?

Hm, Ängste bezüglich meines Umfeldes oder Sorgen hatte ich eigentlich keine. Nach meiner Rückkehr bemerkte ich aber, wer meine wirklichen Freunde waren, wer Interesse an meinen neu gewonnen Erfahrungen zeigte und wer nicht. Ich merkte schon, dass ich nach dem Reisen eigentlich immer oberflächliche Bekanntschaften beendete und mich auf meine wirklichen Freunde konzentrierte.
Vor meiner ersten Reise die ich alleine machte hatte ich eher Angst, wie ich mit den Herausforderungen, die sich ergeben werden, zurecht kommen werde. Jeder, der schon einmal längere Zeit alleine unterwegs war, wird wahrscheinlich wie auch ich die Erfahrung gemacht haben, dass Reisen die beste Schule ist. Die ersten Anspannungen waren schnell verflogen und ich stellte fest, dass ich nicht alleine war, und jede Herausforderung mit der Hilfe von netten Menschen, Locals oder anderen Reisenden, gemeistert wird. Das steigert natürlich das Selbstbewusstsein und sicher auch die Bereitschaft im späteren Leben Risiken ein zu gehen.
Finanziell gesehen waren meine Ersparnisse nach einer Reise natürlich gleich null, was aber in Ordnung war. Ich begann wieder zu arbeiten, und je nach dem wie viel Geld gerade zu Verfügung stand, plante ich schon die nächste Reise.

 

Deiner Entscheidung erfordert viel Mut. Warum hast Du letztendlich den Schritt gewagt und wie schwer fiel es Dir?

Wer ein mal den Reiz des Reisen verfallen ist, wird schnell fest stellen, dass Reisen und die Erfahrung des Neuen schnell zur Sucht werden. Man hat die Möglichkeit für einige Zeit den Alltag und die „westlichen Sorgen“ zu vergessen und völlig entschleunigt und entspannt das Leben und die Leute zu genießen. Bei mir war zuerst die Vorfreude riesig, dann ein kurzes mulmiges Gefühl nicht zu wissen, auf was man sich da einlässt und was passieren wird. Die Vorfreude überwiegt aber schlussendlich!

 

Eine Auszeit kann für viele Aktivitäten genutzt werden. Warum hast Du Dich für eine Reise entschieden und welchen Reisetraum hast Du Dir während Deiner Auszeit erfüllt?

Es gibt verdammt viele Länder, die sehr schön sind und die ich noch gerne bereisen wollte. Ich entschied mich damals einfach für Afrika weil ich dachte, dass will ich mal erlebt haben. Die Entscheidung bereute ich kein bisschen, denn Afrika ist ein Land mit sehr vielen Möglichkeiten für Extremsport. Neben meiner Zeit auf der Ranch, die zwar anstrengend aber echt toll war, nahm ich alle Möglichkeiten wahr, die sich so ergaben. Bungee Jumping, Fallschirmschpringen, Cloofing, Shark Cage Diving, etc. und eine super geile Zeit während einer dreiwöchigen Overland Tour durch Afrika. Da haben sich schon einige Träume erfüllt. Was ich aber am meisten schätzte waren die Menschen, die ich während der Reise kennenlernte.

 

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Java (by Gringl Photography)

Hast Du diesen Schritt je bereut?

Ich hab den Schritt niemals bereut und kann nur jedem dazu raten, diese Erfahrung einmal zu machen.

„Aber Achtung, Suchtgefahr!“

 

Wie hast Du Deine Reise organisiert?

Ich hab mich in erster Linie über das Internet informiert, in Foren nachgelesen, Couchsurfing etc. und mir eine Reiseführer gekauft. Meine Arbeit auf der Ranch habe ich auch übers Internet arrangiert. Da ich damals noch bei meiner Mutter wohnte, hatte ich keine Probleme mit der Miete. Heute würde ich die Wohnung untervermieten. Was die Versicherungen angeht bin ich da vielleicht ein bisschen naiv, aber ich hab nie eine Reiseversicherung abgeschlossen. Der Reiseschutz über die Kreditkarte finde ich ausreichend. Über was man sich aber auf jeden Fall Gedanken machen sollte ist die Krankenversicherung nach der Rückkehr im eigenen Land. Hat man keinen Job ist man nicht krankenversichert und kann beispielsweise bei einem Unfall während der Reise nicht kostenlos im Heimatland versorgt werden (in Deutschland besteht die Pflicht einer Versicherung, Anmerkung der Redaktion). Na nützt auch nichts, wenn die Rückholkosten gedeckt sind.

 

Wenn Du auf Deine Erlebnisse und Erfahrungen während Deiner Reise zurückblickst, was hat Dir Deine Auszeit gegeben?

Auf jeden Fall hat es mir ein Gefühl von Freiheit gegeben. Ich konnte alle Sorgen und Gedanken an zu Hause fallen lassen und genoss ganz einfach das Hier und Jetzt. Von dieser Energie konnte ich noch einige Zeit lang nach meiner Rückkehr zehren, bevor mich der Alltag wieder hatte. Nach der Reise änderte sich für mich jedoch einiges. Ich hatte mich persönlich verändert, war offener und risikofreudiger geworden und wollte auch mein Leben ändern. Ich begann zu fotografieren und bekam einen Job als Sportfotografin, den einige Zeit machte. Das war mir aber zu wenig, also beschloss ich nach Wien zu ziehen und mein Studium zu beginnen. Ein Entschluss, den ich ohne das Reisen nie gewagt hätte, da ich erst da mein tiefes Interesse für andere Kulturen, Länder, Traditionen und Menschen entdeckt hatte.

„Was mir auf alle Fälle geblieben ist ist die Einstellung, dass ich was ändere, wenn ich mit meinem Leben nicht glücklich bin.“

 

Wärst Du gerne früher diesen Weg gegangen?

Nein, ich begann eh schon recht früh mit dem Reisen, und das Arbeiten in der Gastronomie hat mir auch die finanziellen Möglichkeiten dazu geboten.

 

Eine Reise ist natürlich auch mit Kosten verbunden. Wie hast Du Dir das Ganze finanziert?

Damals wohnte ich noch zuhause und verdiente ziemlich gut als Kellnerin. Heute, als Studentin sieht das ganze etwas anders aus. Ist eine Reise geplant, so wird etwas im Alltag angespart, und am Ende richte ich dann die Reise nach meinem Budget aus. Man muss nicht immer einen anderen Kontinent befliegen, um eine tolle Reise zu machen. Vor einigen Jahren reiste ich beispielsweose mit sehr wenig Geld von Wien über den Balkan bis nach Istanbul, was genau so schön war, wie Indonesien, auf einer anderen Art und Weise. Ich versuche mittlerweile auch ökologisch und kulturell nachhaltig zu reisen, um die Umwelt zu schonen und den Menschen in den Gastgeberländern so weit es geht zu unterstützen. Dann ist man automatisch „low-budget“ unterwegs.

 

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Indonesien (by Gringl Photography)


War es nach Deiner Rückkehr einfach, sich wieder an die Normalität zu gewöhnen?

Das waren gemischte Gefühle. Einerseits freut man sich ja wieder auf Freunde und Familie, anderseits wird einem wieder klar, dass man sich jetzt wieder mit den Sorgen des Alltags auseinander setzten muss. Was wird man arbeiten, wo wird man wohnen, keine Kohle, etc. Das kann schon sehr anstrengend sein. Allerdings nimmt man ja die Erfahrungen der Reise auch mit nach Hause und kann sich auch darauf freuen, etwas Neues zu beginnen, wenn man das will. Für mich hat sich nach jeder größeren Reise etwas geändert, sei es im Job oder Privat.

Zum Abschluss, was würdest Du gerne den Lesern mit auf den Weg geben?

„Überwindet euren inneren Schweinehund und traut euch einfach!“

Es gibt so viel zu sehen und zu lernen da draußen, so viele unterschiedlichen Lebensweisen und Einstellungen, die uns nicht verborgen bleiben sollten. Es gibt nicht nur den Lebensweg des Westens, wer das einmal erlebt hat, wir offener und weitsichtiger durchs Leben gehen!
Ich lege aber auch jedem nahe, der sich für sich für eine Auszeit entscheidet, sich über das Gastgeberland und die Art zu Reisen Gedanken zu machen. Der Tourismus zerstört leider größten Teils Natur und Kultur, das sollte uns auf jeden Fall bewusst sein. Mit einer nachhaltigen und schonenden Reiseart kann der Tourismus aber auch helfen die Natur zu schützen und die Locals zu unterstützen.

Vielen Dank für Deine inspirierenden Perspektiven Romana. Ich bin mir sicher, dass wird unsere Leser ermutigen und Sie in Ihren Überlegungen unterstützen. Viel Spaß und weiterhin tolle Erfahrungen auf Deinen Auszeit auf Zeit! Und natürlich dankesehr für Deine Bilder

Was denkst Du über das Interview mit Romana? Ich freue mich auf Deine Kommentare, Fragen und Anregungen.

 

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Hello, hello! Ich bin Patrick. Rothaarig. In dieser Kombination sozusagen Ire. Mehrmalsauszeitnehmer. Wenn ich nicht gerade Köln entdecke, dann die Welt. Hier erfährst Du mehr über mich

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