Gönn Dir eine Auszeit auf Zeit – Erfahrungen des Auszeitnehmers Markus Knüsel im Interview

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Sich eine Auszeit auf Zeit zu nehmen erfordert neben Mut, dem Willen zur Veränderung auch einiges an Organisation und muss selbstverständlich finanziert werden. Alles zusammen genommen ist das nicht einfach und stellt eine große persönliche Herausforderung dar.
Mit der folgenden Interview Reihe möchte ich Dir Menschen vorstellen, die den  Schritt in die Auszeit auf Zeit erfolgreich gewagt haben. Diese Interviews sollen Dich ermutigen und offene Fragen klären. Wer könnte Dir dabei wertvollere Tipps und Hilfestellung geben, als Menschen, die bewiesen haben, dass es funktioniert. Über Entscheidungen, Erfahrungen, Inspiration, das Reisen und Zukunftsaussichten.

 

Hallo Knüsi,

vielen Dank dass Du Dir die Zeit nimmst und Deine Erfahrungen über Deine Auszeit auf Zeit und das Reisen mit uns teilst. Bitte stell Dich doch den Lesern kurz vor.

Mein Name lautet Knüsi (Markus Knüsel), ich bin 35 Jahre alt, bin als Einkäufer in der Computerbranche tätig und wohne in Luzern (Zentralschweiz). Meine bisherigen Reisen waren: 

  • 99-00 (Südafrika bis Malawi, Mauritius, Brasilien, Paraguay), 6 Monate, mit Landrover und Mietauto unterwegs, mit einer Freundin gereist
  • 02-03 (Südafrika, Namibia, Australien), 7 Monate, Mietauto, mit Kumpels gereist
  • 06-07 (Kenia bis Südafrika, Malaysia, Singapur, Thailand, Bali), 8 Monate, Overland und öffentliche Verkehrsmittel, alleine unterwegs
  • 10-11 (Marokko-Südafrika-Ägypten), 12 Monate, Overland, alleine und mit der Freundin unterwegs

 

Da werde ich glatt neidisch. Wie bist Du damals eigentlich auf die Idee gekommen, Dir eine Auszeit zu nehmen?

Vielleicht muss ich da voraussetzen, dass ich da 20 Jahre alt war, gerade meine Lehre zum kaufm. Angestellten und den Militärdienst hinter mich gebracht habe. Ich arbeitete als einfacher Angestellter auf dem Bauamt, als man mir nach 1 Jahr aufgrund Pensionierung meines Vorgesetzen seinen Job anbot. Ich wurde aber vor die Wahl gestellt, entweder annehmen oder kündigen. Das Problem lag darin, dass ich mich für eine Weiterbildung hätte verpflichten müssen. Zudem wären 5 Personen (alle massiv älter als ich) zu führen gewesen, doch man lockte mich mit der grossen Karriere und der noch grösseren Kohle…! Ich bestand auf eine Bedenkzeit von einer Woche. Wie es das Schicksal manchmal gut meint, traf ich Karin (eine gute Freundin) in einer Bar und sie hatte eben ihren Job geschmissen und fragte mich, ob ich nicht mit ihr die Welt erobern möchte. Ich mochte! So schlug ich das Jobangebot (plus Karriere und einen Haufen Geld) aus. Damals war mir die Tragweite dieser Entscheidung in Ihrer Vollkommenheit nicht bewusst. Heute bin ich froh, hab ich mich so entschieden!

 

Bist Du spontan los, oder wie lange hast Du Dich mit dem Gedanken auseinandergesetzt?

Vom Zeitpunkt an, als ich den verdutzten Gemeinderäten meine Kündigung hinlegte, begann meine Reiseplanung. Drei Monate später sass ich im Flieger nach Südafrika mit Karin. Also das Ganze war ziemlich spontan. Ich war jung, wild und dachte die Welt gehört nur mir. Im Nachhinein muss ich zugeben, mit einer etwas besseren Vorbereitung wären wir nicht so oft auf die Schnauze gefallen (der gekaufte Landrover war eine Zumutung, ich kriegte Malaria und wir waren ohne jegliches Kartenmaterial unterwegs, was uns ab und zu in ziemlich üble Situationen gebracht hat). Aber ohne das alles wäre ich nicht zu dem geworden, was ich heute bin und auch das Reisen hätte wohl einen anderen Stellenwert in meinem heutigen Leben.

 

Eine Auszeit kann Unsicherheit bedeuten. Hattest Du Ängste oder was hat Dir Sorgen bereitet?

Ehrlich gesagt, die ersten beiden Male absolut nicht. Mit den Jahren kamen aber schon einige Existenzängste hoch. Die verschwanden jedoch relativ rasch wieder. 4 längere Auszeiten im Lebenslauf sind nicht immer vorteilhaft bei der Jobsuche. Aber ich konnte zum Glück meistens wieder zu derselben Firma zurückgehen, wo ich auch heute (wieder) arbeite. Die kennen mich inzwischen so gut, dass es die nicht mehr umhaut, wenn ich wieder wegen einem neuen Trip kündige. Meine Freunde haben mich in meinem Vorhaben immer unterstützt, egal ob es mit einem Dach über dem Kopf für die ersten paar Tage nach der Rückkehr war oder administrative Unterstützung von zu Hause. Ich konnte mich immer auf sie verlassen. Ohne solch tolle Freunde wäre das alles gar nicht möglich gewesen!

 

Deine Entscheidung erfordert viel Mut. Warum hast Du letztendlich den Schritt gewagt und wie schwer fiel es Dir?

Von Mut weit gefehlt. Ich war jung und unbekümmert, damals brauchte ich keinen Mut für diese Entscheidung, ich wusste ja nicht, auf was ich mich einliess. In der Zwischenzeit ist das ganze aber zur Routine geworden. Ich kann mich noch an meine letzte Reise erinnern, als ich alleine im Zug zum Flughafen sass, fragte ich mich selbst „machst du jetzt wirklich das richtige?“. Nach 10 Sekunden der Zweifel schrie ich mit einem breiten Grinsen ein lautes „hell yeah“ raus. Was ich damit sagen möchte, ist, dass es für eine solche Entscheidung nicht Mut braucht, aber man muss die vorhandenen Zweifel ausräumen.

 

Eine Auszeit kann für viele Aktivitäten genutzt werden. Warum hast Du Dich für eine Reise entschieden und welchen Reisetraum hast Du Dir während Deiner Auszeit erfüllt?

Die Welt bietet so viel Schönes, also lass Dich vom Reisen ergreifen, spüre das Leben und finde Dich selbst! Ich sehe das Reisen immer als eine Art „Weiterbildung“ an. Man kann es zwar bei einem Vorstellungsgespräch nicht angeben und es gibt auch kein Zeugnis dafür. Das Reisen eröffnet unverhoffte Horizonte, man spürt vollkommene Freiheit und man setzt sich auch mal mit seiner eigenen Persönlichkeit auseinander. Ich denke, vielen der Spiesser hier in der Schweiz würde das auch ganz bestimmt gut tun…

Meinen grössten Reisewunsch habe ich mir mit meiner letzten Reise erfüllt, Marrakech-Kapstadt-Kairo. Wenn ich aber ein Erlebnis davon herausgreifen darf, dann ganz bestimmt die Gorillas in den Regenwäldern von Uganda.

 

Hast Du diesen Schritt je bereut?

Nie! Mein Naturell versucht generell so zu leben, niemals was zu bereuen. War etwas schlecht, dann mach es besser das nächste Mal!

 

Wie hast Du Deine Reise organisiert?

Wohnung und Job wurden jeweils gekündigt, Möbel bei Kumpels eingestellt. Ich habe eine spezielle Reiseversicherung abgeschlossen, welche alles abdeckte. Die vielen Länder-Visa’s wenn möglich noch in der Schweiz beantragt, die meisten musste ich aber unterwegs organisieren. Mein Bruder hat mir jeweils die Finanzen erledigt und mir damit meinen Rücken freigehalten. Dann noch eine Abschiedsparty und los ging es…

Die Reise selbst habe ich meistens selber recherchiert, hab das aber von einer Freundin aus dem Reisebüro überprüfen lassen. Häufig musste ich ja nur die Flüge im Voraus buchen.

 

Wenn Du auf Deine Erlebnisse und Erfahrungen während Deiner Reise zurückblickst, was hat Dir Deine Auszeit gegeben?

Totale Freiheit, eine andere Sichtweise auf ganz viele verschiedene Dinge, auch auf den kleinsten Luxus zu verzichten und die Einsicht, was ich in meinem Leben will und was nicht. Das Reisen hat mich bisher noch nie enttäuscht und das ist der grosse Unterschied zum richtigen Leben hier. Die Frage ist immer, welches Leben ist nun das richtige?

 

Wärst Du gerne früher diesen Weg gegangen?

Nein, ich denke mit meinen 20 Jahren habe ich schon ziemlich früh diesen Weg eingeschlagen…

Markus-Knüsel-unterwegs-im-Auszeit-Interview-auf-www.anirishmanontour.com

Markus Knüsel (by Knüsi)

Eine Reise ist natürlich auch mit Kosten verbunden. Wie hast Du Dir das Ganze finanziert?

Gut, zuerst habe ich natürlich das Privileg Schweizer zu sein. Sicherlich nicht unbekannt, dass wir hier gut verdienen. Jedoch ist auch alles schweineteuer, somit probiere ich den Lebensstandard und meine Ausgaben möglichst tief zu halten. Günstige Wohnung (Vorort von Luzern), ich besitze kein Auto, habe keine teuren Hobbys und ordne alles dem Reisen unter. Ich gehe nie aus zum Essen, verzichte auf Luxus und kauf mir auch keine teuren Klamotten…

„Ich vertrete die Meinung, dass Zeit im Leben viel wichtiger ist als das Geld.“

 

 War es nach Deiner Rückkehr einfach, sich wieder an die Normalität zu gewöhnen?

Eine Rückkehr nach so einer langen Zeit bringt logischerweise auch gewisse Konflikte mit sich. Job- und Wohnungssuche ist nur das eine, die ungehinderte Lebensweise zu verlieren das andere. Dennoch gehört auch die Rückkehr zu dem ganzen Reiseprozess. Ich habe festgestellt, man kommt mit einem riesigen Rucksack mit Eindrücken nach Hause und hier hat sich nichts geändert. Die Leute gehen in den gleichen Orten aus, ziehen sich noch gleich an und das schlimmste, sie reden noch über dasselbe. Das sind dann solche Momente, in denen ich am liebsten wieder in ein Flugzeug steigen möchte… Jedoch kann eine Rückkehr auch wieder Start für die Planung der nächsten Reise sein.

 

 Zum Abschluss, was würdest Du gerne den Lesern mit auf den Weg geben?

„Life is so damn short. for f**k sake, just do what makes you happy!!!“

Die weite schöne Welt liegt Euch zu Füssen, jedoch wartet sie nicht auf Euch. Also liegt es an Euch das zu ändern! Werft die Ängste und Zweifel über Board und packt noch heute das erste (nächste) Reiseprojekt an… See you out there!

 

Lieber Knüsi, vielen Dank für Deine inspirierenden Antworten. Ich bin mir sicher, dass wird unsere Leser ermutigen und in Ihren Überlegungen helfen. Für Deine weiteren Reisen wünsche ich Dir alles Gute and a lot of happiness! Tausend Dank auch für die Verwendung Deiner Bilder.

Hat Dich das Interview mit Knüsi inspiriert? Ich freue mich auf Eure Kommentare, Fragen und Anregungen.

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About Author

Hello, hello! Ich bin Patrick. Rothaarig. In dieser Kombination sozusagen Ire. Mehrmalsauszeitnehmer. Wenn ich nicht gerade Köln entdecke, dann die Welt. Hier erfährst Du mehr über mich

4 Kommentare

  1. Tolles Interview und vor allen diese Aussage „Ich vertrete die Meinung, dass Zeit im Leben viel wichtiger ist als das Geld” jeder der diesen Anspruch für sich im Leben umsetzen kann führt ein besseres, intensiveres Leben und kann von sich sagen „Ich lebe“. Persönlich kann ich diese Aussage für mich umsetzen und ich bin dankbar für jeden Augenblick auf meinen Reisen mit den Menschen, der Natur und die Tiere die ich kennenlernen durfte.
    Grüsse Dani

    • Hallo Dani,

      vielen Dank! Es freut mich sehr, dass die Premiere der Interview Reihe so gut angenommen wird.
      Ich habe Knüsi auch als sehr inspirierenden Menschen kennengelernt von dem sich jeder eine Scheibe abschneiden kann. Dieser Aussage kann ich mich zu hundertprozent anschliessen, wobei selbstverständlich jeder auch seinen Lebensunterhalt verdienen muss. Es zeugt von einer starken Persönlichkeit, um sich nicht vom gesellschaftlichen Druck leiten zu lassen, sondern sich sein Leben so gestaltet und für sich mit Recht sagen zu können: Ich lebe!

      Ich finde es unheimlich schön, dass Du auch für Dich Deinen Weg gefunden hast, Dein Leben so umzusetzen wie Du es Dir vorstellt hast. Und Du sprichst dabei einen wahrhaft wichtigen Punkt an. Die Dankbarkeit kommt, wie ich finde, in einer Geselleschaft die alles für selbstverständlich hält, einfach zu kurz.
      Es ist immer wieder inspirierend, ermutigend und beruhigend in einem Atemzug Gleichgesinnte kennenzulernen.

      Viele Grüße aus Köln,
      Patrick

  2. Sehr spannendes Interview. Da kann man allerdings ganz neidisch werden auf die Reisezeiten. Da hinken wir noch hinterher 🙂

    Liebe Grüsse,
    Simon

    • Hallo Simon,

      es freut mich sehr, dass das Interview so gut ankommt. Und ja, da wird man schnell neidisch, wenn man die Reisezeiten von Knüsi sieht. Ich finde das aber gerade toll, um auch zu sehen, dass auch ein „gesellschafltich“ unkonventioneller Weg funktioniert. Und für eine Reise ist es ja nie zu spät.

      Liebe Grüße und ich bin gespannt wieviel Reisezeit noch dazukommt 😉
      Patrick

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