Was ich bisher auf Reisen gelernt habe – Teil 1

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Es sind mittlerweile acht Jahre vergangenen, seit ich im Jahr 2007 zu meinem ersten großen Backpackingabenteuer und meiner ersten Auszeit aufbrach. Aus einer Situation heraus, wo mein Leben unzufrieden dahinplätscherte, während ich keine Zukunft in meinem damaligen Job in einer Bank sah, fasste ich den Mut und entschloss mich gegen alle Ängste eine radikale Veränderung vorzunehmen. Meine bisherige Lebensplanung wie auch die damalige Annahme einer gesellschaftlichen akzeptierten Karriere nachzueifern, begann sich in Luft aufzulösen. Ich fühlte mich überfordert mit dieser Situation und wusste damit nicht umzugehen. Nur eines war klar: So kann es nicht weitergehen. Ich kündigte, kaufte ein World-Around-Ticket und ehe ich mich versah, landete ich auf dem internationalen Flughafen Kapstadt in Südafrika.

Was als Flucht begann, hat mein Leben verändert. Reisen hat mich nachhaltig in meiner persönlichen Entwicklung, Einstellung und Denke geprägt. Inwiefern? Was habe ich bisher auf Reisen gelernt? Es ist an der Zeit meine Erfahrungen und Erlebnisse Revue passieren zu lassen und ehrlich zu reflektieren.

„Die beste Bildung findet ein gescheiter Mensch auf Reisen.“
Johann Wolfgang von Goethe

 

1. Mensch zu sein ist unantastbar

Mir ist es noch nie so bewusst geworden, wie auf Reisen: Du bist Mensch, egal welcher Haut- und Haarfarbe, Herkunft, Sprache, beruflichen Werdegangs oder bisheriger Lebensleistungen. Du bist auf Reisen einfach du. Du zählst als Mensch. Alles andere rückt unveränderlich in den Hintergrund. Wir sind alle gleich, ohne Ausnahme. Das gilt auf Reisen genauso, wie irgendwann sonst in unserem Leben. In diesem Sinne: bleibt menschlich und behandelt euren jeweiligen gegenüber so, wie ihr es auch erwartet.

 

2. Die Offenheit auf Menschen zuzugehen lohnt sich

Während viele von mir denken, ich war schon immer ein sehr offener Mensch, habe ich auch eine sehr schüchterne Seite. Meist kommt diese zum tragen, wenn ich meine Komfortzone verlasse. So auch in Südafrika, als ich urplötzlich alleine in einem Mehrbettzimmer stand und mich nicht nach draußen an die Bar traute, wo die anderen Hostelbewohner sich locker bei einem Bier unterhielten. Mehrere Versuche scheiterten an meiner Schüchternheit und ich fand mich in meinem Zimmer wieder: Ich konnte doch nicht alleine an die Bar gehen! Nach langem hin und her, fasste ich mir ein Herz und setzte mich an die Bar. Innerhalb von Minuten hatte ich Anschluss und traf auf unglaublich offene Menschen, die mich willkommen hießen. Mich hat dieser Schritt bis heute positiv beeinflusst und immer wenn ich mich in meine Schüchternheit zurückziehe, denke ich an diesen Moment. Alles halb so wild, oder? Warum nicht offen auf Menschen zugehen? Vielleicht sind sie in ein und derselben Lage wie du.

 

3. Optimismus oder alles wird gut, auch wenn es manchmal etwas länger dauert

Stell dir vor, du wirst um 5 Uhr morgens mitten in Peru aus einem Bus rausgeschmissen ohne zu wissen wo du bist, oder in Johannesburg einfach auf einer fünfspurigen Straße ausgeladen. Vielleicht stehst du auch seit Stunden in der Gluthitze einer einsamen Straße in Kanada und wartest auf eine Mitfahrgelegenheit. Du könntest natürlich verzweifeln und dich ins bodenlose ärgern. Aber hilft dir das wirklich weiter? Du könntest dich allerdings auch darauf besinnen, der Situation mit Optimismus zu begegnen und nach vorne zu schauen um einen Ausweg aus der verzwickten Lage zu finden.
Ganz ehrlich. Ob du von Grunde auf eher positiv oder negativ deine Gedankenwelt strukturierst, denkst du es würde sich etwas dadurch ändern? Also warum das Ganze nicht positiv sehen? In Peru traf ich auf einen Einheimischen, der mich zu einem Hostel begleitete. In Südafrika fand ich den Weg aus eigener Kraft zur Busstation. Gerade in dem Moment als ich verzweifelt nachdachte wie ich denn jemals an mein Tagesziel in Kanada gelangen sollte, hielt hupend ein Auto vor mir. Der Fahrer nahm mich tatsächlich mit, direkt an meinen Zielort. Alles wird gut, auch wenn es manchmal etwas länger dauert. Nimm das Leben an, wie es kommt. Und das positiv. Ich bin zu 100 Prozent überzeugt, dass Gutes eben genau dies anzieht und umgekehrt.

 

4. Hilfsbereitschaft ist ein hohes Gut

In meinem geradezu blauäugigen ersten Backpackingabenteuer machte ich mir um Planung nicht allzu viel Gedanken. So kam es, dass ich mitten in der Nacht in meinem allersten Hostel stand und die Zimmer komplett belegt waren. Dank der aufopferungsvollen Hilfe verbrachte ich eine Woche im Staff Raum der Angestellten. Oder aber ich kam spät abends in einem kleinen Dorf mit 4 Häusern und einem Hostel an. Selbstverständlich hatte der einzige „Tante Emma“ laden bereits geschlossen. Meine Hostelmitbewohner teilten ihr essen mit mir als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt. Ich war unglaublich dankbar ob der riesigen Hilfsbereitschaft die ich erfahren durfte. Seitdem versuche ich zu helfen, wann und wie ich kann. Es kommt nicht immer auf die großen monetären Hilfen an, manchmal reicht schon ein nett gemeintes Hilfsangebot um andere glücklich zu machen.

 

5. Dankbarkeit oder nichts als selbstverständlich anzusehen

Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für alles was ich bisher erleben durfte, alles was in meiner Vergangenheit dazu beigetragen hat, was ich im hier und jetzt bin. Wir leben in einer Gesellschaft des Jammerns, meist auf hohem Niveau. Sei ehrlich, ist es wirklich so schlimm? Auch wenn nicht alles Gold ist was glänzt, haben wir gerade in Deutschland einen funktionierenden Staat, ein Rechtsystem bei der die Polizei hilft, Infrastruktur ist vorhanden, ein soziales Netz fängt dich in schlechten Zeiten auf, Fahrpläne werden in der Regel eingehalten und Lebensmittel sind im Überfluss vorhanden. In anderen Ländern, insbesondere in sozial schwächeren ist dies oft nicht der Fall. Lerne zu schätzen, was du hast du dir gegeben wird. Nicht alles ist selbstverständlich. Deswegen finde ich, ist es durchaus angebracht, mehr Dankbarkeit zu zeigen.

 

6. Du bist nicht alleine da draussen

Ich gebe zu, dass ich mir anfangs durchaus seltsam vorkam. Ich war 25, gab gerade einen sicheren Job auf, um die Welt zu erkunden. Geht´s eigentlich noch? Aus meinem Freundeskreis hatte sich bisher kaum jemand auf diesen Weg eingelassen und sicherlich war es ein befremdliches Gefühl, einen neuen Weg außerhalb meiner Komfortzone einzuschlagen. Ich glaubte, meine Situation betreffe nur mich ganz alleine auf weiter Flur. Auf den Reisen der letzten acht Jahre, konnte ich mit Genugtuung feststellen, dass auf diesem Planeten hunderte, wenn nicht gar tausende, die gleichen Empfindungen und situationsbedingten Gefühle wie ich hegen. Das gab mir ungemeine Kraft, diesen Weg weiterzugehen und bestärkte mich daran, dass es kein Fehler war, sich auf die Suche nach Zufriedenheit und Glück zu begeben. Ich liebe dieses Gefühl Gleichgesinnte zu treffen und sich von der Woge des Verständnisses tragen zu lassen!

 

7. Alleine sein lässt dich wachsen

Den Großteil meiner bisherigen Reisen war ich alleine unterwegs. Was für viele als unmöglich klingt, hat mich persönlich reifen lassen. Alleine reisen bedeutet nicht gleichzeitig alleine zu sein. Vielmehr gab es mir die Möglichkeit sich mit mir zu beschäftigen und herauszufinden, was ich will und was nicht. Sicherlich gibt es einsame Momente, an denen ich mir Gesellschaft gewünscht hätte. Alleine zu sein bedeutet jedoch nicht gleichzeitig einsam zu sein. Es gibt dir die Zeit, ohne Ablenkung seinen Gedanken nachzuhängen. Im Nachhinein hat mich das persönlich stärker werden lassen und ermöglicht es mir heute alleine und voller Selbstvertrauen unabhängige Entscheidungen zu treffen.

 

8. Das Leben findet im Hier und Jetzt statt

Oftmals erwische ich mich, wie ich mit hätte ich… und wenn ich nur…Spielen (nennen wir sie „Hätti“ und „Wenni“, die übrigens immer alles richtig machen und folgerichtig keine Sorgen und Ängste haben), meine Vergangenheit durchwühle und in die Gegenwart projiziere. Was Balsam für die Seele sein kann, wird aber auch schnell zur Belastung. Genauso, wie ich mir allzu sehr in meiner Zukunft verharre und Pläne schmiede, vergesse ich doch das allerwichtigste: Das Leben im Hier und Jetzt. Sicherlich gilt es einen Mittelweg zu finden. Aus der Vergangenheit zu lernen ist überaus wichtig, denn die Vielzahl der vergangenen Momente stellt per heute genau das dar, was ich bin. Auch will ich nicht nur in den Tag hinein leben und abwarten was da kommen mag. Ich denke der Mittelweg aus allen drei Formen ist entscheidend. Das allerwichtigste ist aber Dein aktuelles Leben, bei dem Du genau zu diesem Zeitpunkt die Möglichkeit hast Dein Leben in die Hand zu nehmen. Reisen gibt mir genau dieses Gefühl, was ich bereits verloren geglaubt hatte. Du lebst jetzt, genau in diesem Augenblick und kannst sowohl die Vergangenheit und die Zukunft auf diesen Reisemoment projizieren.

 

9. Freiheit und Selbstbestimmung werden unterschätzt

Mit Fug und Recht kann ich behaupten, dass ich ein Gefangener des vielgerühmten Hamsterrades war. Auch wenn mir mein Job durchaus Spaß machte, erdrückte mich die Arbeitslast zusehends und ließ mir kaum noch Luft zum Atmen. Ständige Gereiztheit bis hin zum schlechten und wenig erholsamen Schlaf war ein dauerhafter Begleiter geworden. Auch wenn ich mir bewusst bin, dass ich nie eine vollkommene Freiheit und Selbstbestimmung erreichen werden, da es immer gewissen Abhängigkeiten gibt. Auf Reisen habe ich die Süße der Freiheit und Selbstbestimmung zurück erlernt. Es ist ein großartiges Gefühl, selbst entscheiden zu können, wie der kommende Tag verbracht werden kann ich habe gelernt, dass die gewonnene Freiheit aus dem Hamsterrad auszubrechen niemals unterschätzt werden darf. Die Möglichkeiten einer Auszeit, kommen gerade erst dann zum tragen, während sich in der Hektik des Alltags nur von Tag zu Tag gehangelt wird und kein Freiraum für Ideen und Abschalten vorhanden ist. Hast du Lust auf mehr Freiheit und Selbstbestimmung?

 

10. Ohne Vertrauen in Menschen geht es nicht

Das Vertrauen in Menschen viel mir mit der Zeit immer schwerer. Beruflich immer wieder hingehalten von Vorgesetzen, Versprechungen nicht eingehalten, Enttäuschungen von Freunden. Ich war damals sehr vorsichtig im Umgang mit Menschen geworden. Aber wieso eigentlich? Vertrauen ist unglaublich wichtig und ein Eckpfeiler jeder Gesellschaft und der persönlichen Entwicklung.

Mitten in Südafrika lernte ich eine Deutsche in meinem Alter kennen. Sie war bestohlen worden und wusste nicht weiter. Ich vertraute Ihr spontan und lieh ihr ganze 500 Euro. Sicherlich war ich in diesem Moment etwas angespannt, ob ich das Geld je wieder sehen werden. Knapp acht Wochen später fand ich das Geld Konto wieder auf meinem. Auch wenn das nur ein Beispiel ist, sollte vetrauen wieder sehr viel höher gewichtet werden. Vertrauen geht uns alle an. Vertrauen lohnt sich eben doch!

 

Zwischenfazit zum Teil 1

Sicherlich stellt Reisen nicht die einzig wahre Lebensschule dar. Das persönliche Umfeld, Familie, Freunde, Weggefährten, Erziehung sowie Schule, Ausbildung oder Studium und der Beruf spielen mit Sicherheit auch eine große Rolle. Dennoch bin ich davon überzeugt, dass Reisen für mich eine unglaublich wertvolle und lehrreiche Zeit ist, bei der so mancher gesellschaftliche Faupax oder Doktrine der Erwartungshaltung wieder zurechtgerückt werden und eine neue Sicht der Dinge ermöglicht wird. Meine persönliche Entwicklung und inneres Wachstum hat es bis dahin nachhaltig geprägt.
Was ich außerdem auf Reisen gelernt habe, erfährst du hier Woche in Teil 2 von Was ich auf Reisen bisher gelernt habe.

 

Was hast du auf Reisen gelernt? Oder siehst du das Ganze in einem anderen Licht. Lass es mich wissen, in den Kommentaren unterhalb des Artikels!

 

 

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Hello, hello! Ich bin Patrick. Rothaarig. In dieser Kombination sozusagen Ire. Mehrmalsauszeitnehmer. Wenn ich nicht gerade Köln entdecke, dann die Welt. Hier erfährst Du mehr über mich

4 Kommentare

  1. Ich könnte dir gar nicht mehr zustimmen, Patrick! Wirklich schöner Artikel, der voller Werte ist, die in unserer Gesellschaft im Alltag oft in Vergessenheit geraten, aber unterwegs, ‚in der Fremde‘ wieder ihre Bedeutung erlangen. Vielen Dank für deine Einblicke!

    Herzliche Grüße,

    Kiwi

    • Hello Kiwi,
      danke dir fürs lesen, die warmen Worte und dass du meiner Meinung bist! Ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, diese Werte wieder an die heimatliche Gesellschaft zurückzugeben. Ich finde, jeder kann mit etwas Bewußtsein seinen Beitrag leisten. Und wenn dies jeder einzelne berherzigt, wird auch die Bedeutung nicht nur wieder in Fremde entdeckt, sondern erhält auch in heimatlichen Gefilden ihre Bedeutsamkeit zurück. Schliesslich gehen die Werte uns alle an.

      Liebe Grüße
      Patrick

  2. Toller Artikel und weise Worte. Ich kann dir nur zustimmen und hoffe für mich das ich eines Tages dem „Hamsterrad“ auch ein wenig entfliehen kann. Auf Reisen lernt man einfach unglaublich viel über sich selbst aber auch über die Welt um einen herum

    • Hello Nils,
      vielen Dank! Ich denke man lernt jeden Tag dazu. Über sich, von sich und anderen. Und das auch im Alltag. Aber ich denke das Reisen bieten eine wunderbar andere Perspektive um das Leben kennenzulernen. Ich hoffe das du baldigst die andere Seite des „Hamsterrades“ kennenlernen wirst.
      Viele Grüße und alles Gute,
      Patrick

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