Was ich bisher auf Reisen gelernt habe – Teil 2

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Bereits in Teil 1 von was ich bisher auf Reisen gelernt habe bin ich der Frage nachgegangen, was meine Erfahrungen und Erlebnisse seit 2007 für mich bedeuten, nachdem ich aus einer sehr unbefriedigenden Lebenssitaution heraus, beschlossen hatte, mir eine Auszeit zu nehmen. Was damals als Flucht begann, hat mich nachhaltig geprägt und zum positiven hin verändert. Was noch bei meiner ehrlichen Selbstreflektion herausgekommen ist, kannst du jetzt weiterführend lesen. Den ersten Teil kannst du hier nachlesen.

„Reisen veredelt den Geist und räumt mit unseren Vorurteilen auf.“ Oscar Wilde

 

11. Mehr Gelassenheit führt zu Ausgeglichenheit

Stell dir vor der angekündigte Bus fährt 4 Stunden später oder kommt gar nicht. Oder du stehst in Argentinien an der Schlange und die Taktzahl des Scanners erreicht nicht annähernd die Schlagzahl eines deutschen Discounters. Ich muss gestehen, dass mich diese Situationen anfangs durchaus genervt haben. Mittlerweile denke ich: „Es gibt schlimmeres, als diese Kleinigkeiten“ und nehme diese Situation hin, da ich in diesem Moment sowieso keine Handhabe entgegnen kann, um etwas zu ändern. Ich bin mir sicher dass du die Energie, mit der du gegen die Gelassenheit ankämpfen würdest, sehr gut anderweitig verwenden kannst. Bist du bereit für mehr Gelassenheit und Energie für andere Dinge?

 

12. Vertrauen auf das Bauchgefühl als Gradmesser

Jahrelang habe ich mich darauf verlassen, wie ich schnellstmöglich meine Karrierepläne umsetzen könnte. Jahrelang hielt ich an einer Zukunft fest, die ich mir in diesem Sinn gar nicht mehr vorstellen konnte. Jahrelang habe ich eines dabei vergessen: Was sagt mir mein inneres wie auch mein Bauchgefühl dazu? Ständig ignorierte und verdrängte ich dieses unwohle Gefühl, dass ich getroffene Entscheidungen eigentlich gar nicht mit mir selbst vereinbaren konnte. Ob aus der gesellschaftlicher Erwartungshaltung oder der Angst heraus, nicht der Norm zu entsprechen, sei dahin gestellt. Langfristig hat es mich jedoch in eine tiefe Krise geschossen. Reisen lehrte mich, wieder auf meine innere Stimme zu hören, dem Bauchgefühl wieder Raum zu geben und es in meine Entscheidungen miteinzubeziehen. Seit ich diesem Gefühl wieder vertraue, scheint sich alles positiv zu entwickeln, auch wenn es manchmal nicht auf den ersten Blick sichtbar ist.

 

13. Rücksicht auf andere nehmen und Respekt als Eckpfeiler des Zusammenlebens

Auf Reisen übernachte ich zumeist in Hostels. Ich liebe die Atmosphäre und treffe unglaublich gerne spannende Menschen. Die Nächtigung in Mehrbettzimmern (Dorm) hat selbstverständlich auch seine Tücken. Wo mehrere Menschen schlafen, kann nicht jeder machen, was er gerade will. Der Rücksicht kommt dabei entscheidende Bedeutung zu. Ohne Entgegenkommen eines jeden einzelnen, würde das „Zusammenleben“ nicht funktionieren. Überträgt man dies auf die Gesellschaft, kann ich nur dazu appellieren, Rücksicht auf andere zu nehmen. Wie in einem Dorm im Kleinen, bietet Rücksichtnahme im Großen ein respektvolleres und friedvolleres Miteinander. Denkst du nicht auch, dass dies erstrebenswert ist?

 

14. Bescheidenheit oder mich nicht zu wichtig zu nehmen

Es gibt unglaublich viele inspirierende und spannende Menschen, die jeder für sich ihre eigene, interessante Lebensgeschichte haben. Jeder einzelne ist es Wert beachtet zu werden und jedem einzelnen gebührt Respekt. Ich maße mir nicht an, mich davon abzuheben oder mich immer in den Vordergrund zu drängen. Ich glaube Genügsamkeit findet aktuell in unserer Gesellschaft immer weniger Anklang. Je lauter getrommelt wird, desto mehr Aufmerksamkeit wird erzeugt. Aber mal ganz ehrlich, nehmen wir uns alle nicht etwas zu wichtig? Understatement wird meiner Meinung nach unterschätzt. Genügt es nicht, zu wissen was man an sich hat? Muss es immer gleich die ganze weite Welt wissen? Ist es nicht schöner auch einmal auf seinen gegenüber einzugehen, sich auf die Person einzustellen und sich die seine oder ihre Geschichte anzuhören? Sie zu verstehen und wahrzunehmen? Ich denke sich selbst und andere wahrzunehmen schliesst sich nicht aus. Wie wäre es mit mehr Bescheidenheit?

 

15. Reduktion auf das Wesentliche

Meine längste Reise dauerte nahezu ein ganzes Jahr. Mit Überraschung musste ich feststellen, dass es mir nichts ausmachte, ein Jahr lang aus dem Rucksack mit immer den gleichen Sachen zu leben. In Zeiten des übermäßigen Konsums und einer Wegwerfgesellschaft klingt das durchaus paradox. Ich habe gelernt auf Dinge wieder achtzugeben und diese wieder wertzuschätzen. Muss alles immer neu sein? Muss es immer eine Schippe mehr sein? Ich denke nicht. Reisen, insbesondere längerer Natur, lehrten mich das Leben wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das für mich Wichtige wieder zu entdecken und zu genießen. Konzentrierst du dich schon auf das Wesentliche, oder bist du noch in der Komplexität des Alltags gefangen?

 

16. Es kommt nicht nur auf materielle Dinge an oder kein Geld macht auch nicht glücklich

Als ich nach meiner ersten längeren Auszeit wieder nach Hause zurückkehrte hatte sich für mich die Welt verändert. Ein Jahr voller spannender Erlebnisse, unvergesslicher Erfahrungen, intensiver Momente und interessanten Menschen. In der Heimat hatte sich wenig verändert. Ich konnte aber im Freundes- und Bekanntenkreis feststellen, dass die meisten sich ein neues Auto, eine Küche oder andere Luxusgegenstände gekauft hatten. Im Großen und Ganzen im Wert meiner einjährigen Reise. Ich möchte das keinesfalls diskreditieren und bin mir durchaus bewusst, dass es mir ohne monetären Mittel nicht möglich gewesen wäre, mir eine Auszeit zu gönnen. Und selbstverständlich ist es schön sich für Geleistetes zu belohnen. Ich denke es ist wichtig sich eine Grundversorgung zu sichern, die die Lebenshaltungskosten und das ein oder andere Highlight ermöglicht. Dennoch möchte ich dich fragen: Ein neues Auto oder ein Jahr unbezahlbarer Momente auf Weltreise?

 

17. Entdeckung des Müßiggangs oder arbeite um zu leben

Um eines vorwegzunehmen: Ich arbeite unglaublich gerne und es macht mir unglaublich viel Spaß. Auch wenn es stressig wird. Dennoch bin ich der Meinung, dass arbeiten dazu dienen sollte, um sein Leben zu genießen und nicht, wie oftmals gesellschaftlich proklamiert, zu leben um zu arbeiten. Mit der Entdeckung des Müßiggangs habe ich gelernt auch einmal „fünf gerade sein zu lassen“ und Arbeit und freie Zeit in Einklang zu bringen. Sicherlich muss die eine oder andere Überstunde ab und an sein, aber sein Leben nach seinem Job auszurichten, darf keine Dauerlösung werden. Einfach einmal nichts tun darf nicht zur gesellschaftlichen Ausgrenzung führen, sondern muss wieder mehr akzeptiert werden. Ich bin ein sehr aktiver Mensch, und es fällt mir durchaus schwer, einmal nichts zu tun. Aber ich habe auf meinen Reisen gelernt, dass Ruhephasen sehr wichtig sind, ob sich körperlich und geistig zu erholen und zu regenerieren. Sich auf einen Gipfel zu setzen und den Wolken zu folgen oder am Strand dem Meeresrauschen zu lauschen kann Wunder bewirken. Erst dann besteht die Möglichkeit sich wieder voll und ganz seinen Aufgaben zu widmen. Entdecke die Langsamkeit und den Genuss des Lebens, es lohnt sich!

 

18. Handeln statt nichts tun oder der Mut zur Veränderung macht sich bezahlt

Eines kann ich dir garantieren: Von daheim rumsitzen und mit seinem Schicksal zu hadern, wird dein Leben nicht positiv verändern. Es wird niemand an deine Haustür klopfen und dir ein unschlagbares Jobangebot machen oder dir deinen Weg aufzeigen. Es kommt auf dich an! Nimm dein Leben selbst in die Hand. Die Entscheidungen auf Reisen zu gehen und etwas an meinem unzufriedenen Leben zu ändern habe ich selbst gefällt. Erst das Reisen hat mir ermöglicht durch viele unbezahlbare Momente zum Nachdenken, tiefsinnige Gespräche mit anderen Reisenden und einprägende Erlebnisse, die mein Selbstbewusstsein erweitert haben, mich auf die Reise in ein zufriedeneres und glücklicheres Leben zu begeben. Wohin die Reise hingehen soll, bestimmst alleine du! Mit allen verschlungenen Wegen, Sackgassen und mehrspurigen Autobahnen. Bist du bereit aktiv zu handeln und deine persönliche Reise anzutreten?

 

19. Es gibt immer eine Alternative oder es öffnet sich immer wieder eine Türe

Alternativlos. Wenn ich das seit geraumer Zeit in den Medien und der Politik allgegenwärtige Wort höre oder lese sträuben sich mir direkt die Nackenhaare. Kein anderes Wort versucht sich in unseren Gedanken einzuschleichen und zu zementieren, dass wir anscheinend keine Wahl hätten. Ehrliche Wirklichkeit? Nein! Eine Alternative wird eventuell anstrengender sein oder mit mehr Hürden verbunden, oder es werden flexible Lösungen verlangt, aber sie sind vorhanden. Lass dir nicht einreden, es gibt nur einen einzigen Lebensweg. Hostel ausgebucht? Es gibt bestimmt ein weiteres an deinem Zielort, oder wie wäre es mit dem Campingplatz um die Ecke? Der Bus in einem unbekannten Land fährt nicht? Der nächste kommt bestimmt, oder vielleicht kannst du eine Mitfahrgelegenheit ergattern? Ein von allen empfohlener Ort gefällt dir persönlich nicht? Warum ziehst du nicht einfach weiter, individuell und dir deine eigene Meinung bildend? Du hast ein bezauberndes Fleckchen Erde entdeckt, bist aber aufgrund von Reisegefährten weitergezogen? Warum gehst du nicht einfach zurück und genießt den für dich magischen Ort? Alternativlos? Das lasse ich mir auf jeden Fall nicht mehr gefallen, was ist mit dir?

 

20. Persönliche Ängste und Grenzen lassen sich überwinden

Wie schon im Beispiel der Offenheit gegenüber Menschen beziehungsweise des Überwindens der Schüchternheit in Teil 1 beschrieben: Jeder hat seine Ängste und Grenzen, aber ich denke es lohnt sich sehr, über den Tellerrand hinauszuschauen und zumindest zu erfahren wie es sich anfühlt. Ich erinnere mich an den Aufstieg zum Huyana Potosi in Bolivien vor ein paar Jahren. Auf knapp 5.500 Höhenmeter streikte sowohl mein Geist, als auch mein Körper wollte sich keinen Zentimeter vor Erschöpfung weiterbewegen. Ich hatte Angst davor, weiterzugehen und eventuell den Rückweg nicht mehr antreten zu können. Zudem verlangte mir der Aufstieg in der dünnen Luft in der Höhe physisch alles ab. Ich war an meine unausweichlichen Grenzen gestoßen. Auch wenn falscher Ehrgeiz am Berg mit großer Vorsicht zu genießen ist, mobilisierte ich alle erdenklichen körperlichen und mentalen Kräfte und erreichte Schritt für Schritt letztendlich den Gipfel. Es war eines der großartigsten Erlebnisse meines Lebens auf 6088 Metern zu stehen und die gleißende Sonne über den Anden aufgehen zu sehen. Ich hatte es geschafft, mein Wille hatte den Tellerrand überwunden und ermöglicht mir seitdem eine andere energiegeladene Perspektive auf mein Leben. Dabei muss es nicht immer gleich ein riesiger Schritt sein, sondern es sind die vielen kleinen Erweiterungen deiner Komfortzone, die dich wachsen lassen und frische Luft zum Atmen finden lassen. Welche Grenze würdest du gerne überwinden?

 

Fazit:

Reisen hat mein Leben zum Positiven hin verändert. Die Auszeiten aus dem Alltag haben mir es ermöglicht eine neue Perspektive auf mein Leben zu entdecken. Ich stellte fest, dass mein bisheriger Weg nicht das war, was ich von Herzen wollte. Gesellschaftliche Zwänge und der unsägliche Alltag hielten mich gefangen. Reisen mag nicht der Stein der Weisen sein, aber es lehrte mich meine Persönlichkeit wieder auf scheinbar vergesse Werte zu besinnen, Grenzen zu überwinden und persönlich zu wachsen. Ich konnte dadurch mein Selbstbewußtsein auftanken und blicke seitdem voller Zuversicht und mit Zufriedenheit auf mein Leben. Lebe dein Leben. Individuell. Selbst denkend. Was hält dich auf?

 

Was hast du auf Reisen gelernt? Oder siehst du das Ganze in einem anderen Licht. Lass es die Leser wissen, in den Kommentaren unterhalb des Artikels!

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About Author

Hello, hello! Ich bin Patrick. Rothaarig. In dieser Kombination sozusagen Ire. Mehrmalsauszeitnehmer. Wenn ich nicht gerade Köln entdecke, dann die Welt. Hier erfährst Du mehr über mich

4 Kommentare

  1. Auto oder Weltreise? Ganz klar: ein Jahr unbezahlbarer Momente auf Weltreise! Aber bis dahin muss ich wohl noch ein wenig sparen.

    • Lieber Nils,
      ich bin mir sicher, dass es sich lohnen wird. Auch ein Auto kann Spaß machen, aber die Erfahrungen einer Weltreise sind unersetzlich.
      Viele Grüße und ich bin gespannt, wann es bei dir soweit ist.
      Patrick

  2. Hay Patrick,

    ich habe erst vor kurzem deinen Blog entdeckt… ihn aber prompt zu meinem Lieblingsblog ernannt. 🙂
    Du hast einen wirklich tollen und fesselnden Schreibstill. Und wenn ich mir Abends deine „Geschichten“ durchlese bekomme ich schreckliches Fernweh und ich freue mich so auf den Moment wenn ich selbst endlich alleine reisen darf.
    Dass du das Reisen sozusagen zu deinem Leben gemacht hast, bewundere ich. Und ich wünsche dir noch ganz viel Spaß und einprägsame Momente.

    LG
    Sofie

    • Liebe Sofie,
      es freut mich sehr zu lesen, dass Du den Irishman entdeckt hast. Ich hoffe Du findest noch einige schöne, wie auch inspirierende Geschichten, auch wenn ich mich derzeit etwas mit dem Schreiben zurückhalte.
      Alleine reisen ist mit Sicherheit eine der einprägsamsten und intensivsten Reiseformen, die einen enorm wachsen lassen können. Ich kann es Dir auf jeden Fall wärmstens ans Herz legen. Wann ist es denn soweit?
      Vielen Dank auch für Dein großartiges Lob, ich denke alle sollten Ihren eigenen Weg entdecken können. Mutig, neugierig und voller Enthusiasmus hin zu einem zufriedenen, selbstebestimmten Leben.
      Liebe Grüße,
      Patrick

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